2019 – Brutstorch Paul verunfallt tödlich an der IC Strecke innerorts


Das Titelbild zeigt Paul (rechts, unberingt) mit seiner Pauline im Jahr 2012, Fotograf Manfred Gunia.


Statistik der Störche im Schwalm-Eder-Kreis

2019 war aufgrund der Feuchtigkeit im Frühjahr ein eher erfolgreiches Storchenjahr im Schwalm-Eder-Kreis.

In einigen Horsten wurden 3, im ältesten Waberner Storchenhorst Wabern I, Ederauen, sogar 4 Jungstörche flügge. Die Verluste in Storchenhorsten/Kunsthorsten ohne ausreichenden Lebensraum lagen “nur” bei ca. 50 % -70 % . Wir weisen auf die Bedeutung des Standortes bei der Aufstellung von Kunsthorsten schon seit vielen Jahren hin: ohne geeigneten Lebensraum sollte kein Kunsthorst aufgestellt werden.

Dies ist bei einer künstlichen Ansiedlung zu beachten:

Informationen, Störche siedeln sich nur an, wenn der Lebensraum ausreichend ist, gelten nur für einzeln stehende Horste! Wenn bereits ein belegter Horst in der Nähe vorhanden ist, werden nistplatzsuchende Weißstörche bleiben und sich umschauen. Genau aus diesem Grund werden neue Horste weiß getüncht oder gar Plastikstörche aufgestellt. Storchenkenner wissen um dieses Verhalten. Wenn dann in einer Kolonie in einigen Horsten 3-5 Jungtiere problemlos aufwachsen, werden natürlich andere Störche angelockt, denn das suggeriert ihnen hier kann ich auch meinen Nachwuchs aufziehen. Dies geschieht im März/April, zu einer Zeit wo Futter für die Alttiere noch recht gut zu finden ist, sofern es keine lang anhaltende Trockenperiode gibt.

Sie bleiben, brüten, sie verlieren schlimmstenfalls ihre Brut und ziehen ab. Greift der Mensch in dieser Situation ein und füttert “seine Störche”, während die anderen Hunger leiden, werden sie schauen woher das Futter kommt und immer wieder versuchen etwas davon zu bekommen. Störche können sicher nicht zählen, die Harmonie jedoch die in einem Bruthorst herrscht, wenn Alttiere und Jungtiere satt werden, wenn er voller Leben und nicht voller Verzweiflung ist, die nehmen sie wahr. Ihre Instinkte leiten sie fehl, sie werden irregeführt!

Wie soll denn ein Wildvogel, egal welcher Art, erkennen und begreifen, dass er eben nicht im Schlaraffenland lebt, so wie sein Nachbar?

Der Weißstorch ist ein Kolonienbrüter, dieses Verhalten ist zutiefst verwurzelt. Unser Lebensraum im Schwalm-Eder-Kreis/Wabern ist allerdings denkbar ungeeignet für Storchenkolonien, denn 70% der Flächen werden landwirtschaftlich genutzt. Es gibt nur in den Ederauen kleine Feuchtgebiete, die auch bei Trockenheit bis zum Juli das Wasser halten und mit dem Storchenpaar Wabern I bereits überbelegt sind. Bei anhaltender Trockenheit herrscht in kürzester Zeit Nahrungsmangel in Wabern, auch in diesem recht feuchten Fühjahr war das offensichtlich. Wer das Verhalten der Störche kennt, für den ist dies traurig mit anzuschauen.

Ein paar Hinweise zur Ansiedlung, man kann es leider nicht oft genug empfehlen, denn der Wunsch nach einem eigenen Storchenhorst wächst leider enorm, dies ist in den sozialen Medien oft genug zu verfolgen:

Dort wo Weißstörche privat angesiedelt werden, wird sowohl der Standort als auch der ausreichende Lebensraum/Nahrungsangebot oft nicht sachkundig geprüft, die Ansprüche werden meist schlicht unterschätzt. Wer glaubt denn, dass Jungstörche in der Wachstumsphase 1 kg am Tag brauchen? Ein paar Mäuse, Würmer oder Goldfische aus dem Teich, reichen für 1-2 Fütterungen.

Nur das eigene Grundstück steht zur Verfügung, der Standort ist eher nicht geeignet? Ein Ausweichen ist somit nicht möglich: Hier sollte, nach unserer Auffassung MUSS im Interesse des Storches, auf eine Ansiedlung verzichtet werden, denn die Gefahren unserer Zivilisation sind für den Weißstorch meist tödlich.

Stromtod – Bahnlinie

Verkehrsopfer – innerorts (ausgenommen sind Schornsteine mit einer grossen Höhe). Die Störche fliegen im Normalfall von dort direkt in den Lebensraum, ausserhalb der Ortschaft

Fehlt das Nahrungsangebot, sterben die meisten oder alle Jungtiere: dort gehört kein Kunsthorst hin

Nachfolgend Beispiele für unsere Zivilisationsgefahren :

In diesem Jahr kam es zum dritten tödlich verunglückten Weißstorch innerorts, innerhalb von 4 Jahren:

Am 11.06.2016 verunfallt das Männchen Friedrich vom Horst Wabern IV unmittelbar in der Nähe seines Horstes tödlich

Am 05.04.2018 verunfallt unsere ehemalige Ederstörchin Julie, unmittelbar in der Nähe ihres Bruthorstes, in der Ottostrasse Wabern, tödlich

Am 25.03.2019 verunfallt Paul auf den Gleisen der DB unmittelbar vor seinem Horst, er ist sofort tot.

4 Storchenhorste stehen innerorts in der Nähe der IC Strecke, 3 davon wurden künstlich errichtet, 2 erst im Jahr 2011. Die Horste stehen auf beiden Seiten der IC Strecke. Ist es skurril, dass dann Störche versuchen auf den Masten der DB Horste zu errichten? Solche Gegebenheiten müssen nach unserem Empfinden bei einer artgerechten künstlichen Ansiedlung berücksichtigt werden, wir müssen uns der Verantwortung bewusst sein.

Eine Rückfrage bei der Deutschen Bahn ergab, dass ein Abstand von 1 Kilometer um die Bahnstrecke als ausreichend angesehen wird. In erster Linie natürlich zum Schutz der Bahnanlage und im Interesse der Öffentlichkeit, zum Schutz des Weißstorches können wir dies nur dick unterstreichen!!

Die DB hat bisher leider keine Möglichkeit, den Bau von Kunsthorsten auf Privatgrundstücken in Bahnnähe zu untersagen.

In Wabern gab es bei dem Kampf um den Horst Wabern II Tiefflüge der Störche über die Bahnstrecke, sie wurden uns leider nicht gemeldet, wir sind nicht vor Ort. Erst der Besitzer der direkt an die Bahnlinie anliegenden Firma, Herr Greiner, berichtete uns nach dem tödlichen Unfall von Paul von diesen Durchflügen unter seinem Hallendach hindurch, von dort über die Bahnlinie in tödlicher Höhe, falls ein Zug kommt.

Kunsthorste gehören mitten in den Lebensraum, denn die Bruterfolge sind dort am größten. Dazu gab es im Jahr 2019 beim Storchentag des NABU in Wetzlar einen sehr interessanten Beitrag, der genau dies im Ergebnis aufzeigte.